Ringvorlesung Wissenschaft in der Gesellschaft
Sommersemester 2026

| Zeit: | Montag, 14 – 15:30 Uhr |
| Ort: | Geb. 30.41, Chemie-Hörsaal Nr. 2, KIT Campus Süd, Fritz-Haber-Weg 2-6 |
Jede Woche wird von unterschiedlichen KIT-internen und -externen Dozierenden ein Thema vorgestellt, das grundlegend zum Verständnis der Austauschprozesse von Wissenschaft und Gesellschaft beiträgt und speziell das Einwirken wissenschaftlicher Einflüsse in gesellschaftliche Kontexte erforscht.
Die Vorlesung beinhaltet 13 Vorträge, davon 12 innerhalb folgender Themenblöcke:
I. Das Wissenschaftssystem
II. Wissenschaft und Öffentlichkeit
III. Wissenschaft und Wirtschaft
IV. Wissenschaft und Politik
V. Wertediskurse
Studierende können sich ab Donnerstag, 9. April 2026, 12 Uhr über das Campus Plus Portal anmelden.
The lectures will be available in English via KIT Lecture Translator.
Gäste zu Einzelterminen melden sich bitte per E-Mail an unter ringvorlesung∂forum.kit.edu.
Montag, 20. April 2026, 14 Uhr
Wissenschaft in der Gesellschaft. Eine Einführung
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Prof. Dr. Senja Post, Dr. Christine Mielke
In welcher Beziehung stehen Wissenschaft und Gesellschaft zueinander? In der Ringvorlesung soll ein Semester lang besonders im Fokus sein, wie wissenschaftliche Erkenntnis entsteht, wie sie gesellschaftlich wirkt, genutzt wird (oder gerade nicht) und wie wissenschaftliche Expertise gesellschaftlich bewertet wird. In der Auftaktveranstaltung werden diese Zusammenhänge in nuce vorgestellt, aber auch die Frage gestellt: Gibt es denn gesellschaftliche Bereiche, die nichts mit Wissenschaft zu tun haben? Die Wissenssoziologie und besonders die Systemtheorie haben darauf fruchtbare Antworten, die besonders im interdisziplinären Spektrum dieser Ringvorlesung Anwendung finden können. Neben viel einführender Interaktion sollen unter anderem einige der Godfathers der deutschen Gelehrsamkeit wie J.W. von Goethe und Niklas Luhmann zu Wort kommen. |
Montag, 27. April 2026, 14 Uhr
Forschungsethik der Künstlichen Intelligenz: Zwischen Objekt und Werkzeug
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PD Dr. Alexander Bagattini
Die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI) stellt die Forschung vor tiefgreifende ethische Herausforderungen – sowohl dort, wo KI selbst Gegenstand der Forschung ist, als auch dort, wo sie als Werkzeug in wissenschaftlichen Prozessen eingesetzt wird. Der Vortrag beleuchtet diese beiden Dimensionen der Forschungsethik im Kontext von KI. Im ersten Teil wird diskutiert, welche ethischen Fragen die Erforschung und Entwicklung von KI aufwirft. Dazu zählen etwa die Verantwortung für mögliche Fehlfunktionen, gesellschaftliche Auswirkungen von Automatisierung, Verzerrungen durch Trainingsdaten sowie der Umgang mit Autonomie und Kontrolle bei lernenden Systemen. Welche Normen und Prinzipien sollten die Forschung an Systemen prägen, deren Verhalten sich nur begrenzt vorhersagen lässt? Im zweiten Teil wird erörtert, wie sich die Rolle der Forschung verändert, wenn KI-gestützte Werkzeuge. etwa für Datenanalyse, Texterstellung oder Hypothesengenerierung, selbst Teil des wissenschaftlichen Prozesses werden. Hier stellen sich Fragen nach Transparenz, Reproduzierbarkeit, Autor*innenschaft, Bias und epistemischer Integrität. Kann eine Forschung, die sich KI als Assistenz bedient, noch als menschlich kontrolliert gelten – und wo verlaufen dabei die ethischen Grenzen? Im Vortrag soll diese Doppelfunktion von KI als Forschungsgegenstand und -instrument kritisch diskutiert und anhand einschlägiger Fallbeispiele verdeutlicht werden. |
Beweise, Argumente, Einsichten: Worum geht es eigentlich in den Wissenschaften? Und was bedeutet das für deren Rolle in der Gesellschaft?
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Dr. Tim Ludwig
Ausgehend von der Frage danach, was Wissenschaft ist, diskutieren wir die Rolle, die Wahrheit in den empirischen Wissenschaften spielen kann. Wahr ist eine Aussage dann, wenn sie mit dem Teil der Welt übereinstimmt, worüber sie ausgesagt wird. Es geht bei Wahrheit also, wie häufig in der Philosophie, um den Zusammenhang zwischen unserer Sprache und der physischen Welt. Dieser Zusammenhang jedoch ist schwer zu greifen; weder sprachlich noch physisch kann man ihn gänzlich erfassen. Als Konsequenz, so werde ich versuchen, Sie zu überzeugen, kann man Aussagen über die Welt weder lückenlos beweisen noch durch Argumente über jeden Zweifel erheben. Wahrheit, so wie wir sie zu greifen suchen, zerrinnt uns zwischen den Fingern. Was uns bleibt, sind Einsichten — Einsichten, wie wir angemessen über die Welt sprechen können. Zum Abschluss diskutieren wir gemeinsam, ob und inwiefern eine empirische Wissenschaft, die sich um Einsichten statt um Wahrheiten kümmert, ihrer Rolle in der Gesellschaft gerecht werden kann. |
Montag, 11. Mai 2026, 14 Uhr
Technikgeschichte. Gesellschaftliche Dimensionen eines „kleinen Faches“
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Prof. Dr. Marcus Popplow
Technik ist nicht erst seit der Industrialisierung von entscheidender Bedeutung für die Menschheit. Dennoch widmen sich von den mehreren hundert Geschichtsprofessuren in Deutschland nur etwa ein Dutzend technikhistorischen Themen. |
Montag, 18. Mai 2026, 14 Uhr
Wirkungsweisen und Herausforderungen wissenschaftlicher Politikberatung am Beispiel der Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik
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Dr. Ralf Lindner
Der Vortrag setzt sich mit den vielschichtigen Herausforderungen wissenschaftlicher Politikberatung im Spannungsfeld zwischen Erkenntnislogik und politischen Handlungsimperativen auseinander. Ausgehend von der steigenden Nachfrage nach wissenschaftlicher Beratung angesichts wachsender gesellschaftlicher Komplexität werden zentrale Mechanismen des wissenschaftlichen Beratungsprozesses, Wirkungen und Defizite analysiert. Während von Seiten der Politik die Passgenauigkeit von Beratungsleistungen häufig als unzureichend wahrgenommen wird, kritisiert die Wissenschaft oft die mangelnde Berücksichtigung wissenschaftlicher Evidenz in politischen Entscheidungsprozessen. Der Vortrag systematisiert die gängigsten theoretische Modelle der Politikberatung. Dabei wird deutlich, dass eine strikte Trennung von Sach- und Wertfragen empirisch überholt ist. Anhand konkreter Praxisbeispiele aus dem Bereich der Forschungs- und Innovationspolitik werden aktuelle Herausforderungen reflektiert: die institutionelle Ausdifferenzierung der Beratungslandschaft, Dilemmata zwischen wissenschaftlicher Unabhängigkeit und Auftraggebernähe, Spannungen zwischen Agilität und Qualitätssicherung sowie Konflikte bei der Ergebnisdarstellung. Als Lösungsansätze werden gegenseitiges Verständnis der jeweiligen Rationalitäten und Zwänge, bewusste Rollenwahl und verstärkte, dialogische Interaktion zwischen Wissenschaft und Politik vorgeschlagen. |
Montag, 1. Juni 2026, 14 Uhr
Komplexität im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit
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Prof. Dr. Markus Lehmkuhl
Die Vorlesung hat die Komplexität im Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit zum Thema. Vorgestellt wird eine Möglichkeit, wie die Öffentlichkeitsforschung angebunden werden kann an das interdisziplinäre Fachgebiet der so genannten Komplexitätsforschung, das sich mit ganz unterschiedlichen emergenten Phänomenen befasst, etwa das Schwarmverhalten von Tieren oder die Ausbreitung von Epidemien. Vorgestellt wird das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit als komplexes Interaktionssystem unterschiedlicher Akteursgruppen, deren Zusammenwirken ganz spezifische Verteilungen der öffentlichen Aufmerksamkeit für wissenschaftliche Inhalte erzeugt. Literaturempfehlung zur Vor- oder Nachbereitung: Waldherr, A. (2017). Öffentlichkeit als komplexes System: Theoretischer Entwurf und methodische Konsequenzen. Medien & Kommunikationswissenschaft, 65(3), 534–549. https://doi.org/10.5771/1615-634X-2017-3-534 |
Montag, 8. Juni 2026, 14 Uhr
Klimamodelle verstehen und nutzen
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Dr. Hans Schipper
Klimamodelle sind wesentliche Werkzeuge, um die Funktionsweise unseres Klimas zu verstehen und Aussagen über zukünftige Klimaentwicklungen zu treffen. Dieser Vortrag behandelt die Grundlagen und Anwendungen von Klimamodellen, wobei sowohl die physikalischen und mathematischen Prinzipien als auch die Komplexität regionaler Klimaentwicklungen behandelt werden. Anhand zahlreicher Beispiele wird ein vertieftes Verständnis für die Funktionsweise und Bedeutung von Klimamodellen in der Klimaforschung vermittelt. Die Studierenden lernen, welche Aussagen Klimamodelle über mögliche zukünftige Klimaszenarien treffen können und wo ihre Grenzen liegen. |
Montag, 15. Juni 2026, 14 Uhr
Wissenschaftsjournalismus – zwischen TikTok und peer review
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Prof. Dr. Annette Leßmöllmann, Inga Dreyer M.A.
Wissenschaftsjournalismus hat heute vielfältige Aufgaben: Er soll einerseits sachlich und verständlich aus der Forschung berichten, so dass auch Forschende sich angesprochen fühlen – andererseits soll er Aufmerksamkeit für Wissenschaft bei sehr vielen verschiedenen Zielgruppen und Kanälen erzeugen. Manchmal hat er die Rolle, Wissenschaft kritisch zu beleuchten und ein „peer review des peer review“ zu leisten. Immer häufiger findet er sich in politisch oder gesellschaftlich sehr umstrittenen Themengebieten wieder. Und dann hat er noch eine Unterhaltungsaufgabe – oder er gibt Ratschläge, etwa zu Gesundheitsthemen. Wie wird Wissenschaftsjournalismus dieser Rollenvielfalt gerecht, und wie behauptet er sich in Zeiten von Journalismuskritik, Stellenkürzungen – und der Omnipräsenz generativer KI? Der Vortrag leuchtet den Facettenreichtum dieses Berufsfelds auf und reflektiert die veränderte Rolle als gesellschaftlicher und medialer Intermediär. |
Montag, 22. Juni 2026, 14 Uhr
Die Rationalität von Wissenschaft, Politik und Medien
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Prof. Dr. Senja Post
Wissenschaft stellt in modernen Gesellschaften eine bedeutsame Wissensressource dar, die zu gesellschaftlichen Problemdiagnosen und zur Entwicklung effektiver Lösungen beitragen kann. Doch wie kann und soll Wissenschaft in politisches Handeln einfließen? Die Antwort auf diese Frage liegt in einem Spannungsfeld, das sich aufspannt einerseits durch die Erwartung, dass Politik möglichst rational und effektiv sein sollte und andererseits durch die Tatsache, dass politisches Handeln nie nur auf Wissen, sondern immer auch auf Werturteilen beruht, die wissenschaftlich nicht begründet werden können. In dieser Sitzung behandeln wir dieses Spannungsfeld aus erkenntnistheoretischer und demokratietheoretischer Perspektive. |
Montag, 29. Juni 2026, 14 Uhr
Mehr als ein Kulturkampf. Männliche Verbündete, Diversity als Aufreger und die alte Frage: Wer macht welchen Job? (online)
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Dr. Mara Kastein
Der Vortrag verbindet historische und aktuelle Perspektiven auf Geschlecht, Arbeit und Technologie. Ausgehend von frühen männlichen Verbündeten im 19. und 20. Jahrhundert wird ein Bogen zu heutigen Debatten gespannt – etwa zur Empörungswelle bzw. Polarisierung über Diversity-Themen. Im Zentrum steht die Frage nach der geschlechtlichen Segregation des Arbeitsmarktes: Warum halten sich Frauen- und Männerberufe so hartnäckig? Welche Rolle spielen historische Auf- und Abwertungsprozesse sowie strukturelle und kulturelle Zwänge? Und inwiefern kann die Digitalisierung diese hartnäckigen Strukturen aufbrechen oder vertiefen? Der Vortrag lädt dazu ein, bekannte Muster zu hinterfragen und neue Perspektiven auf die Verteilung von Arbeit zu gewinnen. |
Montag, 6. Juli 2026, 14 Uhr
Demokratische Wahlverfahren: Eine normative Analyse
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Prof. Dr. Clemens Puppe
In der Geschichte der USA kam es fünfmal vor, dass der gewählte Präsident weniger Wählerstimmen in der Bevölkerung erhielt als sein erfolgreichster Konkurrent bzw. Konkurrentin; zuletzt passierte dies im Jahr 2000 (Bush vs. Gore) und 2016 (Trump vs. Clinton). Bei der Bundestagswahl im Jahr 2005 stellte sich heraus, dass nach dem damals geltenden Wahlrecht zusätzliche Stimmen für eine Partei zu weniger Sitzen für diese Partei im Bundestag führen können. Dies sind nur zwei Beispiele von Verletzungen grundlegender, normativ wünschenswerter Eigenschaften von Wahlverfahren. Ein berühmtes mathematisches Resultat, das sogenannte Unmöglichkeitstheorem von Kenneth Arrow, besagt, dass in der Tat jedes Wahlverfahren manche grundlegende Prinzipien demokratischer Entscheidungsfindung verletzen muss. Der Vortrag erläutert dieses Resultat anhand von Beispielen und diskutiert einige seiner weitreichenden gesellschaftlichen Konsequenzen.
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Montag, 13. Juli 2026, 14 Uhr
Gute wissenschaftliche Praxis am Beispiel sicherheitsrelevanter Forschung
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Nico Matthias Brähler
Angesichts aktueller geopolitischer Entwicklungen gewinnen Fragen der Verteidigungsfähigkeit und Resilienz unserer Gesellschaft wieder rasant an Bedeutung. Auch Universitäten sehen sich mit der Frage konfrontiert, wie sie und ihre Mitglieder mit diesen gesellschaftlichen Herausforderungen umgehen. Technische Universitäten können durch ihre Forschung und Innovationsfähigkeit zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen. So wird der Ruf nach sicherheitsrelevanter Forschung an Universitäten lauter, was sich zuletzt auch in neuen Förderlinien niederschlägt.
Der Vortrag beleuchtet aus philosophischer Perspektive, wie sicherheitsrelevante Forschung mit Fragen der Guten Wissenschaftlichen Praxis zusammenhängt und wo Konflikte entstehen können: Zwischen jener Selbstregulierung, die die Wissenschaft sich selbst als Bedingung ihrer Freiheit gegeben hat, und den neuen Anforderungen einer veränderten Welt. Denn während die Wissenschaftsfreiheit sicherheitsrelevante Forschung ausdrücklich einschließt, geraten ihre Prinzipien wie beispielsweise Offenheit, Transparenz und freie Publikation dabei schnell unter Druck – etwa wenn Forschung zu Schwachstellen kritischer Infrastruktur genau jenen nützen könnte, die diese gezielt destabilisieren wollen. |
Montag, 20. Juli 2026, 14 Uhr
Genese, Verbreitung und Sicherung von Wissen
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Prof. Dr. Michael Mönnich
Der Vortrag verdeutlicht, wie sich der Umgang mit Wissen durch gesellschaftliche und technologische Entwicklungen kontinuierlich wandelt und welche Perspektiven sich daraus ergeben. Historische Beispiele wie die Entwicklung von der Alchemie zur modernen Chemie und die Entstehung des wissenschaftlichen Publikationswesens – von kirchlicher Kontrolle über Akademien und Zeitschriften bis hin zu Open Access – zeigen die zunehmende Öffnung von Wissen. Ebenso hat sich die Auffindbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse gewandelt: von traditionellen Katalogen über digitale Datenbanken bis hin zur Nutzung von KI zur Recherche. Auch die Aufbereitung fachspezifischer Erkenntnisse hat sich verändert: Während früher Enzyklopädien dem Publikum Wissen vermittelten, übernimmt heute Wikipedia diese Rolle – künftig möglicherweise KI. Abschließend wird die dauerhafte Sicherung wissenschaftlicher Erkenntnisse betrachtet. Bibliotheken und Archive, die bis vor wenigen Jahren traditionell Dokumente auf Papier bewahrten, befassen sich heute mit der Langzeitarchivierung digitaler Daten und dem Management von Forschungsdaten. |
Zum Archiv der Ringvorlesung.







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