Colloquium Fundamentale im Sommersemester 2026
Mit erhobenem Zeigefinger?
Wenn Moral den Diskurs bestimmt
An gegenwärtigen öffentlichen Auseinandersetzungen wird immer wieder bemängelt, sie seien moralisiert. Kritisiert wird dabei, dass Diskussionen häufig weniger von der Suche nach differenzierten Argumenten geprägt seien als von dem Wunsch, sich moralisch korrekt zu positionieren. In Verruf sind Moralisierungen auch deshalb, weil sie als Mittel eingesetzt werden können, um andere Standpunkte zu diskreditieren und den offenen Austausch von Argumenten zu erschweren.
Zugleich sind Moralisierungen ein wichtiger Motor gesellschaftlichen Fortschritts. Ohne die Anprangerung von Ungerechtigkeit, Diskriminierung oder Machtmissbrauch wären zentrale Fortschritte – etwa im Kampf um das Frauenwahlrecht, die Abschaffung der Rassentrennung in den USA oder die Sensibilisierung für Machtmissbrauch in Abhängigkeitsverhältnissen – kaum denkbar.
Das Colloquium Fundamentale widmet sich im Sommersemester 2026 den Chancen und Risiken von Moralisierungen in öffentlichen Auseinandersetzungen und findet im Rahmen des BMFTR-geförderten Projektes MoWiKo (Moralisierungen in der Wissenschaftskommunikation – Ursachen, Formen und Wirkungen) statt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie moralische Bewertungen öffentliche Debatten, die Redefreiheit und die Wissenschaftsfreiheit beeinflussen und unter welchen Bedingungen sie zu produktiver Kritik an Missständen oder zu einer problematischen Verengung des Diskurses werden.


Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Senja Post
Organisation: Leonie Klein, M.M., M.A.
Das Colloquium Fundamentale wird durch den KIT Freundeskreis und Fördergesellschaft e.V. gefördert.
Veranstaltungsübersicht
Kann man Moralisierung messen? KI-gestützte Analysen öffentlicher Debatten
Donnerstag, 23. April 2026, 18 Uhr
InformatiKOM, Geb. 50.19, KIT Campus Süd, Adenauerring 12
|
|
Dr. Maria Becker
Abstract N.N.
Kurzbiographie ⊻Dr. Maria Becker ist Forschungsgruppenleiterin am Germanistischen Seminar sowie am Institut für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Heidelberg. Sie studierte Sprachwissenschaft, Philosophie und Psychologie und promovierte in Computerlinguistik zur automatischen Rekonstruktion impliziten Wissens in argumentativen Texten. In ihrer Forschung verbindet sie Methoden des maschinellen Lernens und große Sprachmodelle (LLMs) mit Fragestellungen der Digital Humanities und Social Sciences. Ein Schwerpunkt liegt auf der automatisierten Analyse öffentlicher Diskurse, insbesondere der KI-gestützten Untersuchung von Moralisierungen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen wie Politik, Bildung oder Wissenschaft. |
Moral und Moralismus in öffentlichen Debatten: ein moralphilosophischer Blick
Donnerstag, 7. Mai 2026, 18 Uhr
InformatiKOM, Geb. 50.19, KIT Campus Süd, Adenauerring 12
|
|
Prof. Dr. Christian Seidel
Abstract Einer verbreiteten Zeitdiagnose zufolge seien gesellschaftliche Diskussionen -- z.B. darüber, was man isst ("bio-vegan"), reist ("flugschamlos"), spricht ("genderneutral"), sich kleidet ("fair"), die Wohnung heizt ("Wärmepumpe") oder Geld investiert ("ethisch") -- in zunehmendem Maße moralisch aufgeladen, über Gebühr moralinsauer, eben durchweg moralistisch; und das sei schlecht, verfehlt, ein Missstand. Doch stimmt das? Um das herauszufinden, muss man zwei Fragen stellen, die in die Moralphilosophie fallen: (1) Was genau ist Moralismus überhaupt und (2) was ist eigentlich falsch (und richtig) daran? In diesem Vortrag möchte ich anhand dieser Fragen die Rolle der Moral und das Phänomen des Moralismus in öffentlichen Auseinandersetzungen aus der Perspektive der Moralphilosophie beleuchten. Damit lassen sich dann einige Vereinfachungen und Missverständnisse identifizieren, die der verbreiteten Zeitdiagnose manchmal zugrunde liegen.
Kurzbiographie ⊻Prof. Dr. Christian Seidel ist Professor für Philosophische Anthropologie am Department für Philosophie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Nach dem Studium der Philosophie, Logik & Wissenschaftstheorie, Psychologie, Mathematik und Ökonomie an Universitäten in München, Bologna, Berlin und London und der Promotion in Philosophie in Bern folgten Stationen in Zürich, Erlangen und Münster. In Forschung und Lehre befasst sich Christian Seidel u.a. mit Klimaethik, Selbstbestimmung sowie Moral(ismus) in öffentlichen Diskursen. Ausgewählte Buchveröffentlichungen: "Ethik des Klimawandels. Eine Einführung" (mit D. Roser); "Selbst bestimmen"; "Was ist Moralismus?" (mit C. Neuhäuser); "Besser um die Zukunft streiten" (mit B. Bleisch, K. Meyer, S. Riedener, D. Roser). |
Das Paradox moralischer Wissenschaftsfreiheit: Von epistemischer Fürsorge zur Umcodierung wissenschaftlicher Standards
Donnerstag, 11. Juni 2026, 18 Uhr
InformatiKOM, Geb. 50.19, KIT Campus Süd, Adenauerring 12
|
|
Prof. Dr. Sabine Döring
Abstract Die liberale Demokratie setzt Wissenschaftsfreiheit voraus. Sie ist ein eigenständiges, von der Meinungsfreiheit zu unterscheidendes Grundrecht auf epistemisch qualifizierten öffentlichen Vernunftgebrauch. Der Vortrag untersucht das Verhältnis von Wissenschaftsfreiheit und moralischer Verantwortung. Ausgangspunkt ist das Paradox moralischer Wissenschaftsfreiheit: Wenn moralische Erwägungen Teil wissenschaftlicher Begründungsstandards werden, werden epistemische Kriterien normativ umcodiert und der Erkenntnisprozess korrumpiert. Zugleich wird gezeigt, dass der Freiheitsbegriff zwei komplementäre normative Dimensionen umfasst: epistemische Gerechtigkeit als Teilhabe aller potenziell Erkennenden am wissenschaftlichen Diskurs und epistemische Offenheit als die Freiheit, ohne Furcht oder Gefälligkeit die Wahrheit zu sagen.
Kurzbiographie ⊻Prof. Dr. Sabine Döring, Professorin für Philosophie an der Universität Tübingen und Staatssekretärin a. D. am (damals) Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), setzt derzeit ihr Opus Magnum der VW-Stiftung zu Liberalismus und Gemeinwohl am Walter Eucken Institut sowie am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) um. Zudem ist sie Senior Fellow am Zentrum Liberale Moderne in Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkt sind neben der politischen Philosophie die Theorie der Rationalität mit einem Schwerpunkt auf den Emotionen. Dazu hat sie international publiziert, u. a. in Mind, Analysis, The Philosophical Quarterly und Dialectica. Ihr jüngstes Buch Wissenschaftsfreiheit in der liberalen Demokratie ist in diesem Jahr im Klostermann-Verlag erschienen. |
N.N.
Donnerstag, 25. Juni 2026, 18 Uhr
InformatiKOM, Geb. 50.19, KIT Campus Süd, Adenauerring 12
|
|
Dr. Thomas Petersen
Abstract N.N
Kurzbiographie ⊻N.N |
Podiumsdiskussion: Meinungsfreiheit und Wissenschaftsfreiheit – über ein spannungsreiches Verhältnis
Donnerstag, 2. Juli 2026, 18 Uhr
InformatiKOM, Geb. 50.19, KIT Campus Süd, Adenauerring 12
|
|
Prof. Dr. Carsten Reinemann Kurzbiographie ⊻Carsten Reinemann ist Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Kommunikation am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München. Er hat in Mainz Publizistik, Politikwissenschaft und Psychologie studiert und dort nach einer kurzen Beschäftigung an der Universität Leipzig auch promoviert (2003) und habilitiert (2008). Zu seinen Schwerpunkten in Forschung und Lehre gehören derzeit Meinungsfreiheit, Medienvertrauen, Medienqualität und Künstliche Intelligenz. |
![]() |
Prof. Dr. Diana Rieger Kurzbiographie ⊻Prof. Dr. Diana Rieger ist Professorin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München sowie Forschungsdekanin der Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Zuvor war sie an den Universitäten in Mannheim (Postdoc) und zu Köln (Promotion und Diplom) tätig. Ihre aktuelle Arbeit befasst sich mit Merkmalen von Hassrede, Furchtrede und extremistischer Online-Kommunikation, wie diese Dimensionen mit der Radikalisierung von Diskursen zusammenhängen und welche Gegenmaßnahmen – etwa Gegenrede oder der Einsatz von KI – diesen Prozessen entgegenwirken können. Darüber hinaus untersucht sie, wie Medieninhalte Bedeutung und Inspiration ausdrücken – beispielsweise in Filmen oder Online-Inhalten – und zum Wohlbefinden beitragen können. |
|
Prof. Dr. Thomas Gutmann Kurzbiographie ⊻N.N. |
|
![]() |
Prof. Dr. Michael Schefczyk Kurzbiographie ⊻Prof. Dr. Michael Schefczyk studierte Philosophie, Öffentliches Recht, Politikwissenschaft sowie Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität zu Köln. Er promovierte 2001 im Fach Wirtschaftswissenschaften an der Universität Witten/Herdecke. 2007 habilitierte er sich im Fach Philosophie an der Universität Zürich. Von 2010 bis 2015 war Michael Schefczyk W3-Professor für Praktische Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg. Dort war er von 2012 bis 2015 außerdem Dekan der Kulturwissenschaftlichen Fakultät. Seit April 2015 ist er W3-Professor für Praktische Philosophie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Von 2017 bis 2022 war er Dekan der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften am KIT. Zusätzlich war er von 2018 bis 2022 stellvertretender Senatsdelegierter sowie Sprecher der Professuren des Universitätsbereichs im Senat (D-Runde). Neben seiner universitären Tätigkeit war Michael Schefczyk von 1996 bis 2017 als „fester Freier“ im Feuilleton der Neue Zürcher Zeitung tätig und veröffentlichte dort rund 140 Beiträge. Er ist außerdem Gründer und Editor-in-Chief der Fachzeitschrift Moral Philosophy and Politics. Von 2016 bis 2018 war er Chair der International Society for Utilitarian Studies (ISUS). Gemeinsam mit Christoph Schmidt-Petri organisierte er 2018 die 15. Konferenz dieser Gesellschaft am Karlsruher Institut für Technologie. |
|
Moderation Kurzbiographie ⊻
Abstract Die Digitalisierung der öffentlichen Kommunikation und das Aufkommen sozialer Medien haben eine paradoxe Entwicklung begünstigt: Zum einen haben sie die Meinungsäußerungsfreiheit erhöht, weil es allen Personen heute möglich ist, sich öffentlich sichtbar in digitalen Debatten zu engagieren, Nachrichten zu kommentieren, eigene Inhalte zu erstellen und über ihre Netzwerke zu verbreiten. Dies bietet Chancen, dass vernachlässigte Perspektiven sichtbar oder dass öffentlich verbreitete Irrtümer korrigiert werden.
Andererseits gibt es Hinweise, dass lautstark engagierte Nutzerinnen und Nutzer mit extremen Ansichten, emotionalen und reißerischen Kommunikationsweisen digitale Debattenräume dominieren und Personen mit moderaten, differenzierten oder korrigierenden Aussagen aus dem Diskurs verdrängen. Die erhöhte Meinungsäußerungsfreiheit der einen könnte so zu einer Einschränkung der Redebereitschaft der anderen führen und negative Auswirkungen auf unsere Möglichkeiten zu einem rationalen, vielfältigen und wissensbasierten Argumentaustausch haben.
In dieser Podiumsdiskussion beschäftigen wir uns mit dem Zusammenhang zwischen Meinungsäußerungsfreiheit und unseren Möglichkeiten zu Erkenntnisfortschritt in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Dazu klären wir zunächst den Unterschied und die Gemeinsamkeiten zwischen Meinungsfreiheit und Wissenschaftsfreiheit und erörtern dann, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit einen offenen, rationalen und wissensbasierten Austausch in demokratischen Gesellschaften fördern können. |






